14. November 2022
Praxistag: Körvorbereitung für Junghengste

Das seit Jahrzehnten etablierte System der Junghengstkörung hat ausgedient. Aufgrund der Leitlinie Tierschutz im Pferdesport, die 2020 veröffentlicht und bereits seit 2021 mit ersten Änderungen im Land zwischen den Meeren umgesetzt wird, erfolgt eine Reform des deutschen Körsystems. Im vergangenen Jahr waren beispielsweise die im Juli geborenen Hengste nicht zur Herbstkörung zugelassen. Der Verband der Züchter des Holsteiner Pferdes hat weitergehend mit der Verlegung der Junghengstkörung in den Februar reagiert. Um alle Beteiligten in den Austausch zu bringen, hatte der Holsteiner Verband zu einem Praxistag zum Thema Körvorbereitung für Junghengste eingeladen.

Auf dem Betrieb von Familie Horns in Bredenbekshorst kamen rund 30 Vertreter des Verbandes, der Politik, Kreisveterinärämtern sowie Ausbildungsställen von Junghengsten aus Schleswig-Holstein zusammen. „Es ist uns ein bedeutendes Anliegen, mit den entsprechenden Funktionären eine praxistaugliche Umsetzung der Leitlinie zu ermöglichen“, sagte Zuchtleiter Stephan Haarhoff. „Der Fokus liegt darauf, den Alltag in der Junghengstausbildung insbesondere den Amtsveterinären näher zu bringen, um auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.“

Schritt für Schritt
Wie werden junge Hengstanwärter eigentlich auf die Körung vorbereitet? Diese Frage beantworteten Stephan Haarhoff sowie Marc Horns und seine Lebensgefährtin Pia Peters bei dem Praxistag. Vier Hengste hat Horns derzeit in Vorbereitung zur Vorauswahl Ende November. Mit zwei von ihnen demonstrierte er die Ausbildung auf dem Weg zur Körung. Den Anfang machte ein Sohn des Zuccero aus einer Cash and Carry-Mutter. Pia Peters erläuterte, wie die Jungpferde an erste Aufgaben herangeführt werden: „Wenn sie zu uns kommen, sind die Hengste noch ganz roh, meistens erst halfterführig. Wir gewöhnen sie dann an das Freilaufen mit Halfter – zunächst in der ganzen Halle und dann auf einem abgetrennten Stück.“ Wenn sie dies ruhig und gelassen absolvierten, werde das Longieren am Halfter, später mit Trense und darüber verschnalltem Halfter und anschließend ausschließlich mit Trense dazu genommen. „Bis wir das erste Mal einen Gurt verwenden, dauert es circa vier Wochen“, so Peters weiter. „Bei wenigen geht es schneller, bei anderen dauert es länger. Es ist wichtig, die Pferde das Tempo vorgeben zu lassen.“ Der Zuccero-Sohn zeigte sich trotz der ungewohnt großen Zuschauerzahl bereits abgeklärt und routiniert. Er kennt schon den nächsten Schritt der Ausbildung, das Verschnallen der Dreieckszügel. Zwei bis drei Mal pro Woche laufen sich die Hengste zunächst im Schritt in der Führmaschine warm und werden dann freilaufen gelassen, beziehungsweise erst ohne und dann mit Dreieckszügel longiert. Eine Trainingseinheit dauere in der Regel etwa 20 Minuten. Mit dem zweiten Hengst v. Keaton-Casalito zeigte Horns, wie er die Pferde an das Freispringen gewöhnt. Nach dem Aufwärmen im Schritt und dem Freilaufen werden die Hengste zunächst an Stangen auf dem Boden, dann an Cavaletti und schließlich das Springen einer Reihe herangeführt. „Einige Pferde finden schnell eigenständig ihren Weg, andere brauchen häufigere Wiederholung und wir warten mit dem nächsten Schritt länger“, berichtet Marc Horns. Einmal pro Woche werde das Freispringen trainiert. Jeden Tag geht es für die jungen Hengste – unabhängig vom Trainingsplan – auf einen Paddock. 

 

Standardisierung nicht automatisch förderlich für Tierwohl
Das Interesse an den Ausführungen von Marc Horns und seiner Familie war insbesondere seitens der Amtsveterinäre groß, sodass ein reger Austausch entstand. Dabei wurde unter anderem diskutiert, inwiefern eine vereinheitlichte Ausbildung der Junghengste realisierbar und sinnvoll sei. Für die amtlichen Funktionäre gehe es dabei um Standards, die das Tierwohl während der gesamten Ausbildung garantieren sollten und nachprüfbar sein müssten. Stephan Haarhoff wies auf die im vergangenen Jahr eingeführten Trainingstagebücher hin, die Hengstausbilder im Vorfeld der Körveranstaltung für ihre Schützlinge ausfüllen müssten. Dr. Thomas Nissen, Tierwohlbeauftragter des Holsteiner Verbandes, fügte ergänzend hinzu, dass standardisierte Ausbildungen bei „Tieren mit individuellen Persönlichkeiten, Stärken und Schwächen“ nur bedingt förderlich für eine tiergerechte Ausbildung seien. „Wenn das Training fundiert erfolgt, werden die Pferde nicht überfordert“, ist sich Nissen sicher. „Die Körkommission ist dabei in der Verantwortung zu erkennen, welche Hengste aufgrund ihrer Veranlagung – und nicht aufgrund ihrer Vorbereitung – als Vererber in Frage kommen.“ Dr. Kristina Hein, Amtsleiterin im Kreis Dithmarschen, argumentierte: „Wir sind uns einig, wie wichtig es ist, die besten Hengste für den Zuchtfortschritt auszuwählen. Und es ist eine gute Sache, dass wir uns im Vorfeld hierzu austauschen. Aber ich habe an den Verband die Erwartung, dass eine klare Positionierung darüber erfolgt, wie im Hinblick auf die Leitlinie für alle Beteiligten geltende Standards entwickelt werden können“, so die Veterinärin. „Das ist ein Prozess, der nicht innerhalb von zwei Monaten abgeschlossen sein kann. Der Spagat zwischen aktueller Rechtslage und wirtschaftlichen Interessen muss gelingen.“ Die Anwesenden stimmten insofern überein, dass regelmäßiger und nach Möglichkeit unbürokratischer Austausch, möglicherweise auch in Form einer Arbeitsgruppe, zukünftig förderlich für die Zusammenarbeit sei. Zuchtleiter Stephan Haarhoff dankte Familie Horns für die Durchführung des Praxistags und resümierte: „Der Praxistag war eine rundum gelungene Veranstaltung. Der rege Austausch mit den zuständigen Behörden hat gezeigt, dass es durchaus unterschiedliche Auslegungsformen und Ansichten zur Junghengstausbildung geben kann. Auch zukünftig muss sich der Zuchtverband intensiv mit den Inhalten der Leitlinien auseinandersetzen. Bei diesem Prozess sollte man zwingend die Erfahrung unserer Ausbildungsbetriebe mit einbeziehen, um einen tiergerechten und praxisorientierten Weg einzuschlagen.“

Der Holsteiner Verband bedakt sich herzlich bei Pia Peters, Marc Horns, Ute und Thomas Horns (von links) für die Gastfreundschaft!

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